Nicht notwendig unzeitgemäße Betrachtungen eines Außenstehenden über eine nich weniger atypische Kulturzeitschrift


Ángel Repáraz



Vor etwa drei Jahren kam in meine Hände ein Exemplar von 'Rhein!'; späterhin habe ich erfahren, dass das Unternehmen im Februar 2011 seinen Anfang genommen hatte. Das Erste, was mir auffiel, war das ungewöhnliche Lay-out, das Heftformat, eine geheimnisvolle Farbkombination auf dem Titelblatt, der bequeme Umfang. Die Beiträge fast immer kurz bzw. sehr kurz - Momentaufnahmen einer Welt (des geschichtlich-kulturellen Raums um den mittleren Rhein), die, so meine Vermutung, die sogenannte überregionale Presse gewöhnlich nicht ins Visier nimmt. Ein weiteres Merkmal: Es gab eine gar nicht unbedeutende Zahl von nichtdeutschen Namen unter den Mitarbeitern. 


Aber siehe - schon kurz nach ihrem Erscheinen leistete sich die Zeitschrift eine Sondernummer, die der deutschen Literatur in Rumänien gewidmet war. Ohne sich viel um gegenwärtige Geschmacksrichtungen zu kümmern, stellen doch diese Hefte ein erfrischendes Gegengewicht dar zu einem überall zu spürenden Verständnis der Kultur, das manches Mal atemberaubend auf den -postmodernen, poststrukturalistischen, postkolonialen und wie immer sie heißen- dernier cri setzt. Erkenntnis ist die Kenntnis von Differenzen, so oder Ähnliches sagt es irgendwo Aristoteles. Leider bin ich nicht ganz in der Lage, in einem Vergleich mit anderen deutschsprachigen Kulturzeitschriften ein informiertes Für und Wider über 'Rhein!' zu erörtern. Bei unserer lokal-weltlich offenen Zeitschrift zwingt sich mir jedoch das Gefühl auf, dass es im heutigen Spanien meines Wissens nicht viel gibt, das man an ihre Seite stellen könnte. 


In der Nummer 14 der Zeitschrift blätternd erfahre ich etwa von einem Klein Spanien im Vorgebirge, gar nicht das erste Kuriosum, das ich gefunden habe. Beinah fünf Jahrhunderte früher war ein spanischer Dichter und Soldat namens Garcilaso de la Vega, ein ganzer Kerl übrigens, vom deutsch-spanischen Kaiser Karl den Fünften (der Erste südlich der Pyrenäen) höchstpersönlich auf eine Donauinsel in der Nähe von Regensburg verbannt worden. Und da hat er erwarteterweise die Danubio, río divino (die Donau, den göttlichen Fluß) traurigstens besungen. Meine erste Bekanntschaft aber mit einem deutschen Fluß war gerade der Rhein in Straßburg/Kehl, als wir das Jahr 1971 schrieben. 


'R(h)ein!', schon vom Titel her eine Einladung zur Anteilnahme an etwas wohl Ermutigendem, beherbergt Schrifsteller, Grafiker und Photographen (nicht ohne Überlappungen). Und unter der kaum sichtbaren Hand der Redaktion bekommt die Zeitschrift einen in meinen Augen sehr attraktiven 'achronischen' -gar nicht anachronistischen- und einigermaßen den Sachzwängen der Mode, einer gewissen Idee von Mode, abgewandten Anstrich. So ist 'Rhein!' ein sehr unwahrscheinliches Gebilde in einer Landschaft, wo eben die mysteriösen Gesetze der publizistischen Entropie gelten. Es bleibt nur, dem Schiffchen eine lange, lange Flußfahrt im besonnenen Umgang mit Worten, Bildern und Klängen zu wünschen - auf dem Rhein, der mit Sicherheit für Garcilaso de la Vega auch ein río divino gewesen wäre.